Im August 2022 stimmte ich der Idee zu, der unterhaltsamste Ausgang sei auch der wahrscheinlichste. Meine Erklärung: Menschen wollen Drama, und soziale Medien machen es sichtbar. In diesem Argument fehlte ein Schritt: Aufmerksamkeit belegt keine Wahrscheinlichkeit.
Worauf ein Empfehlungssystem reagiert
In seiner Erklärung der For-You-Empfehlungen nennt TikTok unter anderem angesehene, gelikte, geteilte und kommentierte Inhalte sowie Suchanfragen. Das Unternehmen beschreibt auch Anpassungen, wenn Nutzer fehlendes Interesse angeben.
Das ist konkreter als meine ursprüngliche Behauptung, ein Algorithmus mache einfach die unterhaltsamsten Inhalte viral. Es ist zudem TikToks Darstellung des eigenen Systems, keine Erklärung für jede Plattform.
Den Clip von seiner Behauptung trennen
Eine dramatische Vorhersage kann interessant anzusehen sein, ohne gut belegt zu sein. Wenn ein Video ein Ereignis vorhersagt, sind zwei Fragen wichtig: Warum habe ich weitergeschaut, und welche Belege stützen die Vorhersage?
Die erste betrifft meine Aufmerksamkeit. Die zweite braucht Informationen jenseits der Beliebtheit des Videos. Wiederholungen im Feed liefern diese fehlenden Belege nicht.
Was an meiner Reflexion bleiben soll
Ich wollte meine eigene Rolle bei dem hinterfragen, was ich anschaue. Das bleibt ein hilfreicher Ausgangspunkt. Es macht Zuschauer aber nicht allein verantwortlich für die Gestaltung der Plattformen oder alles, was ein Feed enthält.
Suche vor dem Teilen einer unterhaltsamen Behauptung die ursprüngliche Quelle, prüfe das Datum und unterscheide eine Meinung vom Bericht über ein geschehenes Ereignis. Wenn diese Prüfung die Aussage nicht stützt, ist ihre Wirkung kein Grund, sie als Tatsache zu verbreiten.
Der korrigierte Unterschied ist einfach: Eine Geschichte kann Aufmerksamkeit gewinnen, ohne dadurch wahrscheinlicher zu werden.



